Donnerstag, 15. September 2005

Wunder in Neukölln?

In Neukölln soll ein Wunder geschehen: Die Auferstehung des Eberhard Diepgen.

Wenn "das Diepgen" tatsächlich am Abend des 18. September gewählt würde, werde ich den Vatikan informieren müssen. Die sind zuständig für Wunder und deren Anerkennung.

Allerdings kommen mir Zweifel. Der Satz "Eberhard Diepgen war immer engagierter Berliner gewesen.", den ich auf seiner Heimatseite finde, läßt mich erschauern. Ist er doch schon tot? Bisher dachte ich, es ginge um die Auferstehung des Herrn Diepgen als Politiker. Wenn ich diesen Satz richtig lese, bleibt kein Zweifel: Er muß verstorben sein.

Wo kann ich mein Beileid bekunden?

Der Konkurrent von der SPD, ein gewisser Herr Staffelt, ist wenigstens noch am Leben. Allerdings ist mit nicht klar, warum er acht Jahre braucht, um zu erkennen, daß Berlin geteilt wurde. So steht es in seiner Biographie: "Eintritt in die SPD 1969. Angeregt durch die neue Ostpolitik Willy Brandts und die Teilung der Heimatstadt Berlin."

Immerhin bringt es Herr Staffelt auf einen ordentlichen Genitiv. Aber wie wäre es mit richtigen Sätzen, in denen Tu-Wörter vorkommen? Und was soll "neue Ostpolitik Willy Brandts"? Gab es eine alte Ostpolitik Willy Brandts? Der Begriff Ostpolitik hat sogar Eingang ins Englische gefunden. Der Zusatz "neue" ist also einfach überflüssig.

Dennoch liegt Ditmar immer noch vor Eberhard, wenn man sich dessen sprachliches Machwerk auf der Zunge zergehen läßt.

Boxenstop

Am Sonnabend war ich mit der Holden auf’m Rummel. Wir essen Bratwurst, schießen Rosen und begucken uns das Volk. So gegen elf Uhr nehmen wir unseren Absacker in der Kreuzberger Trinkstelle am Chamissoplatz. Der Rückweg ins heimische Neukölln führt uns über den Columbiadamm. Keine gute Wahl!

Kurz hinter der Moschee, die dort von einer türkischen Gemeinde errichtet wurde, steht ein Mann mit Kelle auf der Straße und winkt. Doch als ich anhalte, springen keine Mechaniker herbei, um mein Beul-Mobil zu betanken. Statt dessen tritt eine junge blonde Frau mit schickem Käppi in einer Art Kampfanzug ans Auto und erklärt, daß es sich um eine „Allgemeine Verkehrskontrolle“ handelt. Sie möchte meinen Führerschein und die Fahrzeugpapiere haben. Ich verkneife mir jegliche humorvolle Bemerkung wie: „Wir ficken doch gar nicht.“ In solchen Situationen fallen derartige Äußerungen auf keinen fruchtbaren Boden.

Bei meinem Führerschein handelt es sich um das Original, das ich schon seit mehr als 30 Jahren mit mir herumtrage. Er ist bestimmt älter als unsere Kontrolleurin.

Sie verschwindet mit den Dokumenten in einer „Wanne“, sprich Polizei-Tranporter. Wir können beobachten, wie dort in der Dunkelheit mit Taschenlampen und irgendwelchen Zetteln hantiert wird.

„Haben die da drinnen kein Licht?“, kommentiert die Holde.

Es dauert. In Ägypten wäre jetzt schon ein fliegender Händler zur Stelle und würde Erfrischungen anbieten. Hier tut sich nichts. Irgendwann findet jemand den Lichtschalter im Polizeifahrzeug. Wir warten. Dann kehrt unsere Polizistin zurück und möchte Warndreieck und Verbandskasten sehen.

„Habe ich nicht dabei.“, antworte ich.

„Wollen Sie nicht nachsehen?“, fragt sie noch mal.

„Nö! Ich weiß, daß ich beides nicht dabei habe.“

Etwas irritiert schüttelt sie den Kopf und verschwindet wieder im Transporter. Ich habe ihr wohlweislich verschwiegen, daß ich diese Gegenstände noch nie im Auto hatte. Für mein Starthilfe-Kabel und das Abschleppseil werde ich in diesem Verkehrsquiz keine Punkte bekommen.

„Dies ist ein Mängelbericht.“, erklärt mir unsere Polizistin, als sie wieder erscheint. „Damit, und mit Warndreieck und Verbandskasten, melden Sie sich bitte bei einer Polizei-Dienststelle ihrer Wahl. Es wäre gut, wenn die Gegenstände dann auch in ihrem Fahrzeug landen würden. Das ist wichtig.“

Ich gebe Verständnis zu erkennen.

„Und dann bekommen Sie auch noch Post wegen der Ordnungswidrigkeit. Wird Sie 15,- Euro kosten.“

Ich nehme die Zettel und bedanke mich höflich. Die Holde wünscht ihr noch eine angenehme Nacht.

Für Auswärtige und unerfahrene Berliner hier der Hinweis zum Thema Wanne aus der TAZ.
Ein Blick mit zwei Dimensionen!

Neuköllner Niveau

Icke

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